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LIEDER-WERKBUCH 7
Unsere Kultur hat die h-Moll-Messe hervorgebracht.  Aber das gibt mir nicht das Recht, die Didgeridoo- Musik der australischen Ureinwohner als minderwertig zu betrachten. - Sting
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SIGHTSEEING Irgendwo spricht wer Gebete, ziemlich einsam und allein. Flache Landschaft, oben Drähte, ringsumher Beton und Stein. Altehrwürd'ge Fahnenmasten neigen ihre Köpfe zart. Tante Emma lernt zu fasten. Ein Signal zeigt freie Fahrt. Zäune zeigen, dass die Erde hier wohl irgendwem gehört. Eine führerlose Herde irrt herum und wirkt verstört. Und ein Grashalm stößt durch Ritzen, weil er einen Umsturz plant. Eine Ratte zählt die Zitzen, weil sie freudig ein Ereignis ahnt. Ratlos stehen ein paar Mauern, wissen nicht mehr recht, wozu. Ein paar Litfaßsäulen lauern, Orwell gibt ein Interview. Und ein Video zeigt farbig wie das wohl in Eden war. Und der Sandsteinherzog, narbig, sieht von oben ziemlich klar. Tauben weißen die Fassade, bis es weißer nicht mehr geht. Welch ein Zufall, dass nun grade hier noch eine Hure steht. Irgendwer hat sie vergessen, weit und breit kein Mann in Sicht. Eine Röhre zuckt besessen um ihr bisschen Neonlicht. Der Prospekt von heute Morgen, mit der Zeitung ausgeteilt, heischt ein Leben ohne Sorgen dem, der nirgendwo verweilt. Irgendjemand schnellt vorüber wie ein scharf geschoss'ner Pfeil und sucht grade gegenüber am Wühltisch nach dem Seelenheil. In der Stadt spricht grade heute wieder irgendjemand Recht, denn im Amtsgerichtsgebäude wird Fiktion ganz plötzlich echt. Und der Ruhm eines verdienten, stadtbekannten Nimmersatt mehrt sich, weil für die Berühmten diese Welt ein Konto hat. Die Gebete sind verklungen und die Ratte hat ihr Kind. Tante Emma, notgedrungen, ist jetzt, wo schon alle sind. Auch die Herde sieht man nimmer, sie hat jetzt ein Alpha-Tier. Nur die Zäune steh'n noch immer, etwas höh'r sogar als früh'r. Nimmersatt hat zwar gelogen und die Wahrheit ist wohlfeil. Doch die Tauben sind verflogen, alles sauber, alles heil. Niemand will es wirklich wissen und das Fernseh'n zeigt ein Bild für all das, was wir vermissen. Sanfte Sehnsucht, ungestillt. Und ein Bettler singt die Weise, die man gern vergessen hat: Kleiner Mann hat karge Speise und der Abt ein gold'nes Bad. Nur der Halm in seiner Ritze hegt noch seinen alten Stolz. Er hat in sich so viel Hitze, dass der Schnee ringsum zu Wasser schmolz. Text/Musik/Arr.: KT Brandstetter, ©1986/2004/2014 2017
WÜNSCHE Nicht zu viel und nicht zu wenig, wiederum kein Mittelmaß, mal Bettler sein und auch mal König, meistens trocken, manchmal nass. Sei wie ein Kind, des off‘ne Augen, wohl jeden Tag ein Wunder seh‘n, und bunte Bilder in sich saugen, erst wenn sie satt sind weiter geh‘n. Sonne über dich, doch keine Hitze, grad‘ so, dass dein Garten gut gedeiht, und dass jemand dich beschütze - das ist mein Wunsch für deinen Weg, mein Wunsch für deinen Weg, das ist mein Wunsch für deinen Weg. Sei er noch weit! Die Erde hört nicht auf zu drehen, die Sonne bläht sich weiter auf, lässt man das Leben nur geschehen, dann nehm‘n die Dinge ihren Lauf. Sei wie die Narr‘n mit off‘nem Herzen, die Wege spür‘n im Labyrinth, die sich auch manche Gunst verscherzen - es fährt sich gut im Gegenwind. Sonne über dich ... Geh‘ mit dem Herzen eines Wolfes geh‘ mit Nomadenblut im Leib wohl manches Mal gezwung’nermaßen, doch geh‘ ihn auch zum Zeitvertreib, so geh den Weg durch dieses Leben, manchmal heiter, mal im Zorn. Und wenn es sein muss, dann geh eben so manchen Weg einfach von vorn. Sonne über dich ... Text/Musik/Arr.: KT Brandstetter, ©1989/2005 (Feat.: Agathe Taschke)

NICHT EIN MÜDER METER

Man hat dir einen Zahn gezogen, dort klafft jetzt ein großes Loch. Man hat dich glatt gebogen, wo ich noch durch Trümmer kroch. Wo sind all die Abenteuer, die ich hier bestanden hab'? Hier wird alles immer neuer, wird zu einem Marmorgrab. Wo sieht man noch die Gemäuer aus der alten Gründerzeit? Was da jetzt steht ist nur teuer - Architekteneitelkeit. Selbst die Kneipe ist saniert, mit deren Tochter ich mal ging. Alles das ist konstruiert, ein Viertel seelenlos wie'n Ding. Refrain: Die Stadt hat Karies und Zahnfleischbluten. Es gibt hier nur noch Stress - keinem zuzumuten. Oh, Schmerz lass' nach, hier bohrt man dicke Bretter und der Erinnerung bleibt nicht ein müder Meter. Der Spielzeugladen musste weichen - Paradies fürs Kinderherz. Nur die Dummen und die Reichen lachten über diesen Scherz. Irgendwo war ein Theater, in dem der Kasper Knüppel schwang, ein allmächtiger Berater machte ihm die Nase lang. Meine Schlittenbahn im Norden, die mich mal abgeworfen hat, ist längst unbrauchbar geworden, wie die ganze morsche Stadt. Und am Feldweg 'raus zum Freibad, der meine Fahrradrennbahn war, steh'n in Reih' und Glied ganz akkurat die Geschwüre. Unheilbar. Refrain Hier lauerte der dicke Thomas mit seinem ganzen Frust, da wohnte die Ulrike, die hat so gern geschmust, nicht weit entfernt Hans-Jürgen, mit dem mich mancherlei verband - für die Streiche, die wir spielten, waren wir weithin bekannt. Kreisverkehr und Einbahnstraßen, die es früher hier nicht gab, wollen mich nicht dorthin lassen, wo ich mein junges Herz vergab. Wenn ich mich hier umseh', spür' ich, es geht hier nur noch um Gewinn. Nur der Ort ist unverändert, wo ich vom Dach gefallen bin. Text/Musik/Arr.: KT Brandstetter, ©1999/2005 2017
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