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LIEDER-WERKBUCH 3
Die Macht fühlt sich immer  von der Kunst bedroht (…).  - Olga Neuwirth
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AGNUS (Chor: Agnus) Wir hatten Goethe, hatten Schiller. Jetzt hab'n wir wieder braune Brüller. Wir hatten Lessing, hatten Heine. Jetzt treten wieder oberfeine alte Bekannte auf den Plan und zünden wieder Häuser an.   Früher haben Bücher erst gebrannt, bevor man dann fürs Vaterland auch Menschen in die Öfen schob. Doch denk' ich mal, dass dieser Mob wahrscheinlich keine Bücher kennt, deswegen gleich die Häuser niederbrennt.   Du, Vater Staat, zeigst dich entsetzt, wie man jetzt gegen Fremde hetzt. Du bist noch immer auf dem rechten Auge blind. Das hat bei uns ja Tradition: Der Mahner wird zur Zielperson und muss dann zuseh'n, dass er Land gewinnt. (Chor: Agnus) Die offnen Grenzen sind euch recht, solang sie gut sind fürs Geschäft. Jetzt wollt ihr sie gern wieder schließen, ihr wollt sogar auf Opfer schießen, die auch deswegen Opfer sind, weil ihr mit Waffen gut verdient.   Schickt eure Kinder in die Minen, um Hungerlöhne zu verdienen, damit die Handys billig sind. In ihren Augen brennt der Wind. Der Vater packt das Bündel ein - und soll ein Wirtschaftsflüchtling sein.   Du, Vater Staat, zeigst dich empört nur, wenn es zum Konzept gehört, übst dich ansonsten in der Kunst, nicht hinzuschau'n. Des Menschen Recht ist obsolet, wenn's um den eignen Vorteil geht - es gibt so viele Gründe, dir nicht mehr zu trau'n. (Chor: Agnus) Wir hatten Büchner, hatten Brecht und spiel'n trotzdem noch Herr und Knecht. Dabei hab'n die uns doch erzählt, was uns in diesem Lande fehlt. Wir hab'n zwar immerfort die Wahl und doch ist dieses Land feudal. 1) (Chor: Agnus)   Der Haifisch hat die Zähne noch und auch der Schoß, aus dem das kroch,2) gebiert noch weiter seine Brut - und weiter. Bis zur nächsten Flut. "Das Boot ist voll", schreit ein Plakat.3)   "Volk ohne Raum" heißt das Zitat.4)   Du, Vater Staat, du siehst Kultur als unbequeme Randfigur, weil sie dich immer wieder beim Regieren stört. Wie widerlich allerdings klingt, wer nur die falschen Töne singt, das hab'n wir doch vor gar nicht langer Zeit gehört. (Chor: Agnus) Text/Musik/Arr.: KT Brandstetter, ©2016
RAGUSA Ich hab' das Dia noch im Kasten, wie du auf dem alten Turm in die Sonne lachst. Das war nur die Ruhe vor dem Sturm. Die große Mauer mit dem Fenster, mit Babywäsche bunt verziert - Dieses Foto, weißt du noch, das war höllisch kompliziert. Oben auf der dicken Festung, die die Stadt so gut bewacht, wo die Möwen sich ausruhen, tobt jetzt wieder eine Schlacht. Die Straße, die vor vielen Sommern mal ein großer Graben war, später Markt für Brautschau wurde, die liegt jetzt zerschossen da. Ragusa, du Schöne, du Perle am Meer, dein Charme hat noch jeden besiegt. Schon manch' einer wollte dich gern zum Dessert, doch keiner hat dich je gekriegt. Rechts der Hafen mit den Kuttern. Die Schule mit dem Blick aufs Meer, wo ich dir noch scherzhaft sagte: da fällt Mathe lernen schwer, und die Sammlung alter Schriften, erste Noten dieser Welt, das alles liegt jetzt ausgehungert, eingeäschert und entstellt. Hier gab's an der Gnadenpforte für die Armen täglich' Brot, es gab Schulen, Waisenhäuser, gegen Folter ein Verbot. Es gab Wahlen. Bürgermeister waren nur auf Zeit ernannt. Sklavenhandel war verboten. Alles das ist jetzt verbrannt. Ragusa, du Schöne … Schwerer, heißer Duft nach Pinien, nach Lavendel, Thymian legt sich auf uns. Die Zikaden schmettern laut ihren Sopran. Wie im Märchen glitzern draußen auf dem blauen Mittelmeer feuchte Rücken von Delfinen zu uns hier ans Ufer her. Vor der alten Apotheke mit dem alten Inventar und vorm Roland dort am Rathaus, der mal Freiheitsdenkmal war, steh'n jetzt bergeweise Säcke. Niemand weiß, ob das was nützt. Ist vor diesem blanken Wahnsinn überhaupt etwas geschützt? Ragusa, du Schöne … Eine europäische Erinnerung Die Donau war der Auslöser. Sie fließt auch durch das ehemalige Jugoslawien, durch Belgrad. Ich bin ihrem Lauf ein ganzes Stück gefolgt. Und dann war Krieg.   Eine animierte Betrachtung auf SWAY. Text/Musik/Arr.: KT Brandstetter, ©℗1992
ES WAR SCHON NACHMITTAG Es war schon Nachmittag, als sie sich trafen, obwohl es eigentlich noch Morgen war. Das kleine Städtchen wirkte noch verschlafen. Es war nicht kalt, obwohl noch früh im Jahr. Geschäfte öffneten langsam die Türen, die Tassen dampften müde vorm Bistro. Sie wollten sich in einem Traum verlieren, Ihr Puls schlug im Fortissimo. Das Kopfsteinpflaster in den alten Gassen glänzte für sie in seinem schönsten Grau. Die Zeit hat sich viel Zeit für sie gelassen. Und nur der Himmel war nicht himmelblau. Dafür das Rosarot in ihren Mägen, das weiche Gelb in ihren Knien … Sie war mit ihrem Leben nicht zufrieden, auch er schien irgendwie nicht ganz komplett, drum hatte jeder für sich dann entschieden: Es lebt sich doch viel besser im Duett. Sie hatten sich zuvor schon viel geschrieben, Gedichte und was man sich halt so schreibt, wenn man die Hoffnung hat, zu lieben Und hofft, dass ganz am Schluss was übrig bleibt. Zu viel war beiden schon zerronnen, wie Sand, der einem durch die Finger rinnt, zu vieles hatte schon begonnen, wie auch die Eintagsfliege ja beginnt. Nur einmal noch etwas zu wagen und beten, dass es nun gelingt … Sie waren schon gemeinsam Mittagessen, und die Cafés war'n ihnen schon vertraut. Sie hatten sich noch unterdessen auch alle Schaufenster schon angeschaut. Sie schlenderten durch diese alten Mauern, fotografierten aus Verlegenheit und spürten überall die Frage lauern, die sich halt stellt trotz aller Sittsamkeit. Mag sein, die Vorsehung hat eingegriffen und flüstert‘ ihnen dieses: „Mensch, greif zu!“ Sie hab‘n sich in den Arm gekniffen - so spätes Glück war fast wie ein Tabu. Doch schließlich haben sie's begriffen: Ich bin die Baukis, Philemon bist Du. Text/Musik/Arr.: KT Brandstetter, ©℗2014
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